Yanagihara, Hanya: Ein wenig Leben (Hörbuch)

Rezension Hanya Yanagihara – Ein bisschen Leben (Hörbuch)

 

Klappentext:

Ein wenig Leben handelt von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern in New York, die sich am College kennengelernt haben. Jude St. Francis, brillant und enigmatisch, ist die charismatische Figur im Zentrum der Gruppe – ein aufopfernd liebender und zugleich innerlich zerbrochener Mensch. Wie in ein schwarzes Loch werden die Freunde in Judes dunkle, schmerzhafte Welt hineingesogen, deren Ungeheuer nach und nach hervortreten. Ein wenig Leben ist zugleich realistischer Roman und Märchen – ein rauschhaftes, mit kaum fasslicher Dringlichkeit erzähltes Epos über Trauma, menschliche Güte und Erlösung. Es begibt sich an die dunkelsten Orte, an die Literatur sich wagen kann, und bricht dabei immer wieder zum hellen Licht durch.

Meinung:

Ein wenig Leben ist eines dieser Bücher, die seit Monaten immer wieder auftauchen und nicht wirklich verschwinden und immer wieder präsent sind, sei es in Besprechungen oder als Tweed, Beitrag und Bild in den sozialen Medien. Selbst die Buchhändlerin meines Vertrauens hat sich schwärmend über das Buch ausgelassen. Trotzdem blieb meine Skepsis. Wollte ich das Buch wirklich lesen? Es ist so umfangreich und die Thematik macht mir doch irgendwie Angst. Letztendlich fiel die Entscheidung dann mit dem Kauf des Hörbuchs.

Und so tauchte ich dann kurz nach Kauf direkt in die Welt von Jude, Willem, Malcolm und JB. Ich verfolgte ihre Leben, nahm an ihren Erfahrungen teil und tauchte immer tiefer in deren Geschichten und Gefühle ein: Wie sie sich kennen lernten, wie ihre Karrieren verlaufen, wie sich die Freundschaften weiterentwickelten, man sich näherte oder entfernte. Und immer wieder folgten Rückblicke auf Judes Vorgeschichte, um sein Wesen und sein Verhalten zu erklären und das Rätsel um seine Person zu lösen.

Judes Passagen waren teilweise sehr schwer für mich zu ertragen, denn die Autorin schont ihre Leser nicht, schildert nahezu plastisch Judes Schmerzen und Leiden, so dass man der Meinung ist, beinahe körperlich daran beteiligt zu sein.
Und hiermit fingen die Schwierigkeiten für mich an. Diese krassen Schilderungen schlugen mir förmlich auf den Magen. Immer wieder stand ich kurz davor, dass Hörbuch abzubrechen, denn gerade weil es so einnehmend von Torben Kessler vorgelesen wurde, gingen mir die Passagen so nah und lösten teilweise sogar Übelkeit bei mir aus. Allerdings trieb mich auch die Neugier um, auf welches Unglück die Geschichte von Jude hinaussteuert, so dass ich doch dran blieb und die teilweise immensen Längen im Roman ertrug.

Denn obwohl Hanya Yanagihara sprachlich sehr angenehm war, so verliert sie sich doch oft in sehr langen, ausholenden und weitschweifenden Schilderungen, was sprachlich zwar sehr schön klingt, aber für kaum bis wenig Fortschritte in der Handlung führte.
Ein weiteres Manko der Hörbuchs war, dass man beim Wechsel der Perspektiven erst mal verwirrt war, wo man sich befindet, wer denn nun gerade erzählt und sich erst einmal neu orientieren musste, an welcher Stelle der Geschichte man sich denn nun befand. Im Buch wären mir diese Stellen bestimmt leichter gefallen, denn dort wären sie mit einem Absatz oder einem neuen Kapitel ins Auge gefallen.

Eines jedoch hat Hanya Yanagihara geschafft: Ihre Figuren Jude und Willem sind mir ans Herz gewachsen. Trotz der sehr tragischen Vergangenheit hat mir Judes Werdegang förmlich das Herz zerrissen und gerade die Passagen in der Kindheit haben mein Herz als Mutter bluten lassen. Die Protagonisten sind unheimlich gut herausgearbeitet, weisen Tiefe auf und sind in ihrem Verhalten allzu menschlich. Manchmal sogar ein wenig zu viel des Guten, denn auch hier gelangte ich irgendwann an einen Punkt, wo mir das Wegsehen von Judes Freunden reichte. Diese Unfähigkeit, einem Menschen zu helfen, dem es so offensichtlich schlecht ging, war schwer zu ertragen. Natürlich lässt es sich weg sprechen, dass man selber ja viel zu oft so reagiert, aber gerade weil hier alle ja immer wie so sehr betonen, wie lieb sie sich alle haben und wie toll Jude doch ist, hätte man sich gewünscht, dass an dieser Stelle auch mehr passiert. Diese Liebeshuddelei (ein besseres Wort fällt mir dafür nicht ein) ist im übrigen ein weiterer Punkt, der mich an diesem Werk nach und nach immer mehr gestört hat. Die endlosen Wiederholungen, wie lieb man sich hier hat, machen die Geschichte anstrengender und sorgen zusätzlich für Länge in diesem ohnehin schon langen Text. Irgendwann ist auch mal gut.

Dieses Buch wird mir aber auf jeden Fall lange in Erinnerung bleiben.

 

Fazit:

Ein wenig Leben lässt mich zwiegespalten zurück. Auf der einen Seite ging mir Judes Geschichte unheimlich ans Herz, auf der anderen Seite war es aber von allem irgendwie zu viel. Zu viel Schmerz, zu viel Grausamkeit, zu viele Worte, zu viele Liebesbekundungen. Auch wenn das Hörbuch stimmlich wirklich großartig vertont wurde, über die oben erwähnten Schwächen kann auch der Erzähler Torben Kessler nicht hinwegtrösten.

Von mir gibt es 3 von 5 Punkten.

 

Preis

4 MP3-CDs: 29,00 Euro

 

Original Verlag: Hanser Literaturverlage
Hörbuch Verlag: Hörbuch Hamburg
ISBN: 978-3-95713-077-8
Spielzeit: 2024 Minuten
Sprecher: Torben Kessler
Übersetzer: Stephan Kleiner

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Ein Gedanke zu “Yanagihara, Hanya: Ein wenig Leben (Hörbuch)

  1. Pingback: Orths, Markus: Max (Hörbuch) | Vanessas Bücherecke

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