McEwan, Ian: Nussschale

Rezension Ian McEwan – Nussschale

 

Klappentext:

Trudy betrügt ihren Ehemann. Sie wohnt nach wie vor in seinem Haus – einem heruntergekommenen Einfamilienhaus in London, das ein Vermögen wert ist –, aber ohne ihren Gatten, den Dichter und Verleger John. Stattdessen geht dort sein Bruder ein und aus, der zutiefst banale Bauunternehmer Claude. Trudy und Claude haben einen Plan. Doch ihre Intrige hat einen Zeugen: das wissbegierige, knapp neun Monate alte, ungeborene Kind in Trudys Bauch.

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Meinung:

Als ungeborenes Kind hat man es nicht einfach, besonders wenn man die Untreue der Mutter mitbekommt und ebenso einen Mordplan, ohne dass man eine Möglichkeit sieht, dem Opfer – in diesem Fall der eigene Vater – warnen zu können. Zur Untätigkeit verdammt begleitet unser Held uns so durch die Ereignisse, in die Trudy und Claude ihn hineingezogen haben und sinniert dabei über das Leben, seine Freuden und dessen Missstände.

Der kleine Mann in diesem Buch ist wahrlich ein sehr altkluges und intelligentes Kerlchen. Mit viel Weitblick und Verstand wirkt er, als hätte er schon eine 60-jährige Lebenserfahrung hinter sich. Auch den angenehmen Dingen im Leben widmet er sich gerne, soweit die ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten es ihm gewähren; sei es ein guter Wein oder eine spezielle Delikatesse, allem ist diesem Kind nicht abgeneigt. Dank der Podcasts seiner Mutter ist er auch sehr gut informiert, hat eine eigene Meinung zu vielen Themen und weiß es schon, wie er die Weltverhältnisse zu analysieren hat. Man merkt schon, man darf ihn als Person also nicht mit einem regulären Säugling vergleichen, was mir als Mutter von 2 kleinen Kindern aber enorme Schwierigkeiten bereitet hat.

Denn es fiel mir sehr schwer den Umstand auszublenden, dass es sich um ein ungeborenes Kind handelt, welches hier seine Weisheiten zum Besten gibt. Das Verhalten der Mutter hat mir enorm aufgestoßen und mir die Lektüre etwas verleidet. Was eigentlich total schade ist, denn der Erzählstil im Roman ist großartig, voller tiefer Weisheiten, Denkanstößen und auch viel bitter Ironie und Sarkasmus. McEwan stellt viele Thesen in diesem Roman auf, die sehr viel Wahrheit und sehr viel Kritik enthalten. Diese sprechen auch aktuelle Themen an, wie z. B. die Flüchtlingskrise oder Regierungsprobleme. Und auch die Gesellschaft an sich bekommt in diesem Roman ihr Fett weg.

Neben dem ungeborenen Kind sind aber auch Trudy und Claude wichtige Personen im Roman. Diese waren mir allerdings nicht wirklich sympathisch, stechen sie doch eher mit ihren negativen Charaktereigenschaften als mit den positiven hervor. Aber ohne diese wäre die Geschichte natürlich nur lauwarm und hätte nicht die Dramatik, die man von dieser Hamlet-Adaption erwartet 😉

Spannend ist der Roman aber trotz meiner Schwierigkeiten mit Mutter und Kind allemal, denn man möchte ja doch wissen, ob Trudy und Claude ihr Ziel erreichen und ob sie damit durchkommen werden, sollte der Mord gelingen. Die Kapitel sind moderat lang gehalten und da das Kind seine Geschichte in der Ich-Perspektive erzählt, erhält man viele ungewöhnliche Einblicke in die Ereignisse.

 

Fazit:

Nussschale hat mich sehr zwiegespalten zurück gelassen. Auf der einen Seite hat mich der großartige Erzählstil begeistert, auf der anderen Seite hat mich Trudys Umgang mit ihrem ungeborenen Kind abgestoßen. Ich, als junge Mutter, brauche vielleicht mehr Abstand zu der Geschichte, doch es fiel mir schwer, die Umstände auszublenden. Wer sich nicht daran stört, wird hier wahrscheinlilch besser unterhalten, denn das Buch bietet trotz allem unheimlich viele kluge Ansätze und Gedanken.

Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten.

3,5 Punkte

 

Preis

Gebunden: 22,00 Euro

 

Verlag: Diogenes Verlag
ISBN: 978-3-257-06982-2
Seitenzahl: 288
Übersetzer: Bernhard Robben

Quelle: http://www.diogenes.ch/leser/titel/ian-mcewan/nussschale-9783257069822.html

Vielen Dank an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.
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2 Gedanken zu “McEwan, Ian: Nussschale

  1. Hallo Vanessa,
    an dieses Buch muss man sich einfach erinnern, auch wenn ich es nicht gelesen habe. Dies ist allein dem Umstand geschuldet, dass der Erzähler aus dem Bauch heraus als Baby erzählt. Als ich die Inhaltsangabe las, dachte ich mir schon dass ich ähnliche Probleme damit hätte wie, als du schreibst „Denn es fiel mir sehr schwer den Umstand auszublenden, dass es sich um ein ungeborenes Kind handelt, welches hier seine Weisheiten zum Besten gibt.“ Schließlich war diese ungewöhnliche Perspektive für mich der Grund, das Buch nicht zu lesen. Es ist sicherlich nicht „schlecht“, aber ich denke, es gibt genügend andere Literatur die ich im Moment lieber lesen werde. Darin hat mich deine Rezension, auch wenn sie wohlwollend ist, überzeugt. Man kann nicht alles lesen wollen. In diesem Sinne danke für deine Rezension.

  2. Pingback: Monatsrückblick November 2016 | Vanessas Bücherecke

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